Schweißüberströmt schreckte ich auf. Das war mir noch nie passiert. Die Erinnerung hatte mich heimgesucht. Mit ihren langen, dürren Klauen hatte sie nach mir gegriffen und mich ins Reich der Träume gezerrt. Sie wollte mir zeigen, was ich verloren habe. Ich hatte das Gefühl, sie würde immer noch am Ende meines durchgelegenen Bettes sitzen und mich aus ihren müden roten Augen anstarren. Ich wollte auf keinen Fall wieder mit ihr gehen, also schaltete ich das Licht ein. Nichts. Dieser verkrüppelte, schrumpelige Bastard war einfach verschwunden. Ich schaute auf die Uhr. 3:42. Ich stand auf und stellte mich unter die Dusche. Ein Zucken durchfuhr meine Glieder, als ich die ersten kalten Tropfen auf meiner Haut spürte.
Kurz bevor ich wach wurde, befand ich mich in einem schwarzen Raum. Einem endlosen schwarzen Raum. Eintönig. Die Decke schwarz, der Boden schwarz, sogar die Wände, die ich nicht sehen konnte, egal wie weit ich lief, waren schwarz. Jedenfalls glaubte ich das. Es gab keine Tür. Kein Fenster. Keine Lampe. Und es war trotzdem nicht zu dunkel, um zu sehen. Ich konnte alles erkennen. Jedenfalls hätte ich es gekonnt, wenn es dort etwas gegeben hätte. Aber vor mir lag nur eine gähnende Leere. Trübe und endlos. Ich lief und lief und lief. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich niemals einen Ausweg finden würde, aber ich wollte nicht aufgeben. Also lief ich weiter. Stundenlang. Tagelang. Der Hunger quälte mich und ich hatte verdammt lange kein Bier mehr. Meine Beine schmerzten und allmählich verließ mich die Kraft.
Plötzlich hörte ich ein Schluchzen. Es klang unendlich traurig und doch war es in der Lage, mir das Herz zu erwärmen. Ich ging schneller und sah eine Prinzessin oder gar eine junge Göttin. Sie saß auf dem schwarzen Boden, die Beine angewinkelt und an den Körper gezogen so eng sie konnte, den Kopf auf den Knien. Sie weinte. Obwohl es mich glücklich machte, sie zu sehen und zu hören, fühlte ich mich gleichzeitig so schlecht wie lange nicht mehr. Warum jammerte sie dort alleine vor sich hin? Sie sollte auf dem Olymp sitzen und sich von Zeus Früchte reichen lassen und einen Wein, den ein Mensch gar nicht hätte begreifen können. Danach hätte sich Zeus als unwürdigen Schwächling bezeichnen und dann ehrfurchtsvoll das Weite suchen sollen. Wieso also saß sie in dieser gottverdammten Einöde? Ich ging weiter auf sie zu, wollte nachsehen, was mit ihr ist, ihr helfen. Plötzlich war mir alles egal. Die Schmerzen, der Hunger, die Nüchternheit. Ich wollte nur noch zu ihr. Sie schien mich zu bemerken und hob den Kopf. Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie mich an. Ihre Augen erinnerten an diesen Raum. Sie wirkten endlos und dunkel, trostlos und leer. Mein Aufenthalt hier, sogar mein Leben hatte plötzlich einen Sinn. Immer weiter ging ich auf sie zu, aber je länger ich lief, desto deutlicher wurde mir, dass sie unerreichbar ist. Die Entfernung zwischen uns wurde nicht geringer. Ich nahm noch einmal alle meine Kraft zusammen und lief schneller, aber jetzt kam sie nicht nur nicht näher, sondern entfernte sich sogar. Der Sinn rann mir durch die Finger wie feiner Sand. Sie wurde kleiner und kleiner. Ich rannte. Alles, was ich wollte, war ihre makellose Haut in meinen verschwitzten Händen zu spüren und den Duft ihres wunderschönen, langen braunen Haars in meiner Nase zu vernehmen. Sie näherte sich dem Horizont. Verloren, dachte ich. Wie immer. Aber noch war ich nicht geschlagen. Ich lief weiter bis sich hinter mir plötzlich ein Abgrund auf tat. Es war kein gewöhnliches Loch. Es verfolgte mich. Aber ich war schneller. Bis zu dem Augenblick, als die schmierige und schmächtige Hand der Erinnerung aus ihm herausragte und sich um mein linkes Fußgelenk wickelte. Ich stürzte und wurde in das Loch gezogen. Die junge Göttin war weg.
Ich trocknete mich ab und setzte mich auf mein Sofa. Ich öffnete eine Flasche Bier. Dann spürte ich, wie mir eine Träne über die Wange lief.
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