Samstag, 22. märz 2008
Ich starrte auf ein Foto. Dort sah ich ein Mädchen. Nein, sie war bereits eine junge Frau. Sie war wunderschön. Ihr Haar, lang und braun, fiel locker über ihre Schultern. Sie trug silberne Ohrringe und eine weiße Perlenkette. Ihr weißes Oberteil sah dünn aus, fast, als könne man einfach hindurch sehen. Aber so sehr ich es auch versuchte, es wollte mir nicht gelingen. Also bestaunte ich ihr Gesicht. Ihre perfekt geformten Lippen glänzten ein wenig in einem Lichtschimmer. Sie war bezaubernd. Auch ihre Nase war es. Ich habe nie zuvor solch eine bezaubernde Nase gesehen. Ihre dunklen Augen sahen aus, als könnte man sich darin verlaufen. Oder hinein fallen. Wie in einen Teich, einen See. Sogar wie in einen Ozean. Und wenn man erst einmal hinein gefallen wäre, dann käme man nicht wieder hinaus. Ich jedenfalls nicht. Ich war kein guter Schwimmer. Meilenweit bis zur nächsten Insel schwimmen,das wäre aussichtslos, da machte ich mir keine Hoffnung. Ihre endlos tiefen Augen sahen zielstrebig links an mir vorbei. Ich drehte mich um. Da war nichts, was es sich anzusehen lohnte. Eine alte Schlafcouch mit allerhand Flecken darauf. Das Bett war nicht gemacht. Ich dachte mir, ich würde mich sowieso wieder hinein legen. Es fertig zu machen, wäre Arbeit gewesen. Und ich hatte keine Lust auf Arbeit. Keine Lust auf Stress. Die hatte ich sowieso nie. Vor der Couch stand ein kleiner Tisch. Ein Tischbein wackelte. Ich war nie dazu gekommen, es richtig fest zu ziehen. Auf dem Tisch stand ein alter Kuchen. Den würde ich sicher nicht mehr essen, das wusste ich. Er war mittlerweile steinhart. Aber ihn wegzuschmeißen, wäre Arbeit gewesen. Ich hatte keine Lust auf Arbeit. Neben dem Kuchen standen zwei Flaschen Bier. Leer. Typisch. Ich war in dieser Zeit oft betrunken. Das gab mir ein gutes Gefühl. Jedenfalls für einen Augenblick. Der kleine, wackelnde Tisch, das alte siffige Sofa – ich war angewidert. Ich drehte mich wieder zurück, denn dort gab es Schöneres zu sehen. An ihren Augen hatte sich nichts verändert. Noch immer starrten sie an mir vorbei. Dabei gab es da doch nichts Ansehnliches, wo sie hinsahen. Würden sie mich anschauen, dachte ich, würden sie allerdings auch nichts Ansehnlicheres finden. Ich hatte keine bezaubernde Nase. Einige Male wurde ich ihretwegen ausgelacht – vor allem von Verwandten. Mir war es egal. Auch meine Lippen waren anders. Sie waren nicht perfekt geformt. In der Mitte der Oberlippe gab es einen kleinen Vorsprung, der von einer Mitschülerin immer „Eizahn“ genannt wurde. Sie versuchte oft, mich damit aufzuziehen, aber es klappte nie. Mir war es egal. Mein T-Shirt war blau. In weiß war ein Adler darauf abgebildet, der eine elektrische Gitarre trug. Das Bild wurde mit dem Wort „Kulturschutzgebiet“ betitelt. Mir gefiel das T-Shirt. Aber es war nicht beinahe durchsichtig. Und wenn es das gewesen wäre, hätte sicher niemand versucht, es wegzustarren. Denn auch darunter gab es nichts zu sehen, was einen Menschen hätte begeistern können. Ohrringe und Perlenkette trug ich nicht. Der einzige Schmuck, den ich besaß, war ein Armband. Außen stand „FC Schalke 04“ und innen konnte man lesen „Blau und Weiß – ein Leben lang“. Jedenfalls, wenn ich es nicht trug. Aber ich trug es immer. Ich liebte den Verein. Vermutlich, weil ich etwas brauchte, woran ich mich festklammern konnte, wenn alles mal wieder den Bach hinunter laufen zu schien. Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte, aber ich versuchte, es mir einzureden. Meine Haare waren nicht lang und braun. Ich trug die Farbe eines räudigen Straßenköters. Und ich fühlte mich auch oft so. Meine Haare fielen auch nicht so locker wie ihre. Sie waren fettig. Das fühlte ich. Aber ich hatte keine Lust, zu duschen. Keine Lust auf Arbeit. Die hatte ich sowieso nie. Meine Augen waren langweilig. Sie waren auch braun. Aber ihnen fehlte die Tiefe, die ich in den Augen dieser Frau fand. Es gäbe noch viele Dinge, die ich aufzählen könnte. Viele Dinge, die an ihr besser waren als an mir. Ich schaute sie gerne an.
von Pö
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Samstag, 22. märz 2008

Schweißüberströmt schreckte ich auf. Das war mir noch nie passiert. Die Erinnerung hatte mich heimgesucht. Mit ihren langen, dürren Klauen hatte sie nach mir gegriffen und mich ins Reich der Träume gezerrt. Sie wollte mir zeigen, was ich verloren habe. Ich hatte das Gefühl, sie würde immer noch am Ende meines durchgelegenen Bettes sitzen und mich aus ihren müden roten Augen anstarren. Ich wollte auf keinen Fall wieder mit ihr gehen, also schaltete ich das Licht ein. Nichts. Dieser verkrüppelte, schrumpelige Bastard war einfach verschwunden. Ich schaute auf die Uhr. 3:42. Ich stand auf und stellte mich unter die Dusche. Ein Zucken durchfuhr meine Glieder, als ich die ersten kalten Tropfen auf meiner Haut spürte.

 

Kurz bevor ich wach wurde, befand ich mich in einem schwarzen Raum. Einem endlosen schwarzen Raum. Eintönig. Die Decke schwarz, der Boden schwarz, sogar die Wände, die ich nicht sehen konnte, egal wie weit ich lief, waren schwarz. Jedenfalls glaubte ich das. Es gab keine Tür. Kein Fenster. Keine Lampe. Und es war trotzdem nicht zu dunkel, um zu sehen. Ich konnte alles erkennen. Jedenfalls hätte ich es gekonnt, wenn es dort etwas gegeben hätte. Aber vor mir lag nur eine gähnende Leere. Trübe und endlos. Ich lief und lief und lief. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich niemals einen Ausweg finden würde, aber ich wollte nicht aufgeben. Also lief ich weiter. Stundenlang. Tagelang. Der Hunger quälte mich und ich hatte verdammt lange kein Bier mehr. Meine Beine schmerzten und allmählich verließ mich die Kraft.

Plötzlich hörte ich ein Schluchzen. Es klang unendlich traurig und doch war es in der Lage, mir das Herz zu erwärmen. Ich ging schneller und sah eine Prinzessin oder gar eine junge Göttin. Sie saß auf dem schwarzen Boden, die Beine angewinkelt und an den Körper gezogen so eng sie konnte, den Kopf auf den Knien. Sie weinte. Obwohl es mich glücklich machte, sie zu sehen und zu hören, fühlte ich mich gleichzeitig so schlecht wie lange nicht mehr. Warum jammerte sie dort alleine vor sich hin? Sie sollte auf dem Olymp sitzen und sich von Zeus Früchte reichen lassen und einen Wein, den ein Mensch gar nicht hätte begreifen können. Danach hätte sich Zeus als unwürdigen Schwächling bezeichnen und dann ehrfurchtsvoll das Weite suchen sollen. Wieso also saß sie in dieser gottverdammten Einöde? Ich ging weiter auf sie zu, wollte nachsehen, was mit ihr ist, ihr helfen. Plötzlich war mir alles egal. Die Schmerzen, der Hunger, die Nüchternheit. Ich wollte nur noch zu ihr. Sie schien mich zu bemerken und hob den Kopf. Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie mich an. Ihre Augen erinnerten an diesen Raum. Sie wirkten endlos und dunkel, trostlos und leer. Mein Aufenthalt hier, sogar mein Leben hatte plötzlich einen Sinn. Immer weiter ging ich auf sie zu, aber je länger ich lief, desto deutlicher wurde mir, dass sie unerreichbar ist. Die Entfernung zwischen uns wurde nicht geringer. Ich nahm noch einmal alle meine Kraft zusammen und lief schneller, aber jetzt kam sie nicht nur nicht näher, sondern entfernte sich sogar. Der Sinn rann mir durch die Finger wie feiner Sand. Sie wurde kleiner und kleiner. Ich rannte. Alles, was ich wollte, war ihre makellose Haut in meinen verschwitzten Händen zu spüren und den Duft ihres wunderschönen, langen braunen Haars in meiner Nase zu vernehmen. Sie näherte sich dem Horizont. Verloren, dachte ich. Wie immer. Aber noch war ich nicht geschlagen. Ich lief weiter bis sich hinter mir plötzlich ein Abgrund auf tat. Es war kein gewöhnliches Loch. Es verfolgte mich. Aber ich war schneller. Bis zu dem Augenblick, als die schmierige und schmächtige Hand der Erinnerung aus ihm herausragte und sich um mein linkes Fußgelenk wickelte. Ich stürzte und wurde in das Loch gezogen. Die junge Göttin war weg.

 

Ich trocknete mich ab und setzte mich auf mein Sofa. Ich öffnete eine Flasche Bier. Dann spürte ich, wie mir eine Träne über die Wange lief.

von Pö
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Samstag, 22. märz 2008

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