Ich starrte auf ein Foto. Dort sah ich ein Mädchen. Nein, sie war bereits eine junge Frau. Sie war wunderschön. Ihr Haar, lang und braun, fiel locker über ihre Schultern. Sie trug silberne Ohrringe
und eine weiße Perlenkette. Ihr weißes Oberteil sah dünn aus, fast, als könne man einfach hindurch sehen. Aber so sehr ich es auch versuchte, es wollte mir nicht gelingen. Also bestaunte ich ihr
Gesicht. Ihre perfekt geformten Lippen glänzten ein wenig in einem Lichtschimmer. Sie war bezaubernd. Auch ihre Nase war es. Ich habe nie zuvor solch eine bezaubernde Nase gesehen. Ihre dunklen
Augen sahen aus, als könnte man sich darin verlaufen. Oder hinein fallen. Wie in einen Teich, einen See. Sogar wie in einen Ozean. Und wenn man erst einmal hinein gefallen wäre, dann käme man nicht
wieder hinaus. Ich jedenfalls nicht. Ich war kein guter Schwimmer. Meilenweit bis zur nächsten Insel schwimmen,das wäre aussichtslos, da machte ich mir keine Hoffnung. Ihre endlos tiefen Augen
sahen zielstrebig links an mir vorbei. Ich drehte mich um. Da war nichts, was es sich anzusehen lohnte. Eine alte Schlafcouch mit allerhand Flecken darauf. Das Bett war nicht gemacht. Ich dachte
mir, ich würde mich sowieso wieder hinein legen. Es fertig zu machen, wäre Arbeit gewesen. Und ich hatte keine Lust auf Arbeit. Keine Lust auf Stress. Die hatte ich sowieso nie. Vor der Couch stand
ein kleiner Tisch. Ein Tischbein wackelte. Ich war nie dazu gekommen, es richtig fest zu ziehen. Auf dem Tisch stand ein alter Kuchen. Den würde ich sicher nicht mehr essen, das wusste ich. Er war
mittlerweile steinhart. Aber ihn wegzuschmeißen, wäre Arbeit gewesen. Ich hatte keine Lust auf Arbeit. Neben dem Kuchen standen zwei Flaschen Bier. Leer. Typisch. Ich war in dieser Zeit oft
betrunken. Das gab mir ein gutes Gefühl. Jedenfalls für einen Augenblick. Der kleine, wackelnde Tisch, das alte siffige Sofa – ich war angewidert. Ich drehte mich wieder zurück, denn dort gab es
Schöneres zu sehen. An ihren Augen hatte sich nichts verändert. Noch immer starrten sie an mir vorbei. Dabei gab es da doch nichts Ansehnliches, wo sie hinsahen. Würden sie mich anschauen, dachte
ich, würden sie allerdings auch nichts Ansehnlicheres finden. Ich hatte keine bezaubernde Nase. Einige Male wurde ich ihretwegen ausgelacht – vor allem von Verwandten. Mir war es egal. Auch meine
Lippen waren anders. Sie waren nicht perfekt geformt. In der Mitte der Oberlippe gab es einen kleinen Vorsprung, der von einer Mitschülerin immer „Eizahn“ genannt wurde. Sie versuchte oft, mich
damit aufzuziehen, aber es klappte nie. Mir war es egal. Mein T-Shirt war blau. In weiß war ein Adler darauf abgebildet, der eine elektrische Gitarre trug. Das Bild wurde mit dem Wort
„Kulturschutzgebiet“ betitelt. Mir gefiel das T-Shirt. Aber es war nicht beinahe durchsichtig. Und wenn es das gewesen wäre, hätte sicher niemand versucht, es wegzustarren. Denn auch darunter gab
es nichts zu sehen, was einen Menschen hätte begeistern können. Ohrringe und Perlenkette trug ich nicht. Der einzige Schmuck, den ich besaß, war ein Armband. Außen stand „FC Schalke 04“ und innen
konnte man lesen „Blau und Weiß – ein Leben lang“. Jedenfalls, wenn ich es nicht trug. Aber ich trug es immer. Ich liebte den Verein. Vermutlich, weil ich etwas brauchte, woran ich mich
festklammern konnte, wenn alles mal wieder den Bach hinunter laufen zu schien. Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte, aber ich versuchte, es mir einzureden. Meine Haare waren nicht lang und braun.
Ich trug die Farbe eines räudigen Straßenköters. Und ich fühlte mich auch oft so. Meine Haare fielen auch nicht so locker wie ihre. Sie waren fettig. Das fühlte ich. Aber ich hatte keine Lust, zu
duschen. Keine Lust auf Arbeit. Die hatte ich sowieso nie. Meine Augen waren langweilig. Sie waren auch braun. Aber ihnen fehlte die Tiefe, die ich in den Augen dieser Frau fand. Es gäbe noch viele
Dinge, die ich aufzählen könnte. Viele Dinge, die an ihr besser waren als an mir. Ich schaute sie gerne an.